Mittwoch, 5. Mai 2010

    Begegnung in 2D

    Das digitale Leben ist kompliziert.

    Über meinen ersten Eindruck von Online-Partnerbörsen habe ich hier bereits berichtet.
    Der Wunsch nach neuen Kontakten war der ausschlaggebende Punkt, der mich in ein weiteres Datingportal trieb. Der Gedanke, dass aus einem solchen Kontakt dann irgendwann mal etwas sexuelles oder gar eine Partnerschaft erwächst, war für mich eher sekundär. Ich wollte unter Leute kommen.

    Ich hatte mich ganz gut vorbereitet: Einigermaßen aktuelle Bilder mit neuer Brille und Bart, einen halbwegs originellen, ehrlichen und doch nichtssagenden Profiltext – eigentlich kann da nichts mehr schief gehen. Bereits am ersten Tag meiner Anmeldung bekam ich eine Aufmerksamkeitsmedallie von einem Kerl verliehen. Nach Sichtung seines Profils wusste ich das zunächst nicht so recht zu deuten, weswegen ich sie vorerst ignorierte. Die Bilder zeigten einen jungen Mann mit hübschem Gesicht und markanten Augenbauen, doch leider auch mit einem Körpervolumen, daß mich durchaus irritierte. Interessant war er dennoch, und so verlieh ich ihm die Bärchenmedallie – kurz darauf hatte ich eine Textnachricht von ihm im Posteingang.

    Wir kamen etwas zögerlich ins Gespräch: Er ließ vom ersten Augenblick an keinen Zweifel daran, daß er sexuelle Interessen hatte und gab an, mich überaus attraktiv zu finden. Und ja: Das schreckte mich ab. Wegen seines Bauchs. Und auch wegen der Direktheit, mit der die sexuelle Anziehung kommuniziert wurde. Ich wollte den Kontakt dennoch nicht so abreißen lassen – ich fand ihn schließlich interessant, und so kamen wir ins Gespräch. Zuletzt führten wir stundenlange Telefonate über Skype. Er redete gern und viel. Über sich und seine Ansichten. Ich sagte wenig und hörte zu. Skype wurde zu seiner Bühne, und ich war sein Publikum. Ich scheine solche Typen anzuziehen wie Scheiße die Fliegen. Einiges von dem, was er erzählte, fand ich interessant, anderes durchaus amüsant und weniges merkwürdig. Unangenehm war seine Eigenart, selbst mit äußerst scharfer Munition zu schießen, aber selbst ein entsprechendes Echo nicht vertragen zu können.

    Ich musste mir unter anderem vorwerfen lassen, ich sei naiv, frigide und dumm. Er musste sich lediglich gefallen lassen, von mir mit der selben Ironie behandelt zu werden, mit der er mich manchmal zu textete.

    Unterm Strich ergab sich das Bild eines gebildeten, aber zynischen, von Komplexen behafteten, leicht neurotischen und mit latentem machismo ausstaffierten Mannes. Ich hegte außerdem den Verdacht, daß er noch immer in seinen Ex verliebt war, dessen wenige Wochen zuvor stattgefundener Besuch längst verheilt geglaubte Wunden wieder aufriss und daß er nun auf Teufel komm raus eine Kompensationsbeziehung suchte.

    Ständig legte er Fallen aus, die, wenn sie zuschnappen sollten, wohl das Ende des an und für sich netten Kontakts bedeuteten – was ich nicht wollte. Er fragte zum Beispiel dauernd nach Komplimenten. Ob sein Bauch zu dick sei, ob sein Gesicht zu dick wirke, ob sein Bart sein Gesicht dicker erscheinen ließe. Zuletzt beschlich mich das Gefühl, als fühle er sich selbst mit sich und seiner Figur unwohl. Also sprach ich ihn darauf an, fragte ihn, warum er seine Fettleibigkeit immer wieder zum Thema machte. Die Antwort war eine Gegenfrage: Nämlich ob ich ihn geil finden würde. Nein, das konnte ich nun wirklich nicht geradeheraus bejahen – denn das wäre gelogen gewesen. Ja, sein Bauch war beim besten Willen nicht wegzudenken. Selbst dann, wenn ich mich bemühte, mich auf die, durchaus vorhandenen, positiven Aspekte seines Aussehens zu konzentrieren, war da immer der Gedanke im Hinterkopf, daß der gute Mann total fettleibig war und damit so okay ging, daß nicht damit zu rechnen war, daß sich an der Fettleibigkeit irgendwas ändern würde. Ich konnte also nur sagen: Nein, ich finde Dich nicht rundrum geil, und schon gar nicht so geil, wie Du mich scheinbar findest. All dies, obwohl ich mir ein abschließendes Urteil gerne erst nach einem persönlichem Treffen gebildet hätte.

    Und es kam, wie ich es geahnt hatte: Dies war das Ende dieses Kontaktes. Er wolle schließlich einen Partner, der ihn genau so geil findet wie er ihn.

    Daraus könnte ich natürlich die Lehre ziehen, dass zwei Schwule niemals befreundet sein können, weil irgendwann der Sex dazwischen kommt.
    Ich könnte schlussfolgern, daß alle, wirklich alle Männer, die sich bei einer Gay-Partnerbörse anmelden, letztlich nur ficken wollen.
    Und ich könnte schlussfolgern, dass mein Ansatz, jemanden erst kennen zu lernen und dann erst bereit zu körperlichem zu sein, vollkommen von gestern ist und aus einem heterosexuell/konservativ geprägten Verständnis von Flirten und Datebenimm rührt.

    Aber das will ich nicht. Ich will glauben, daß man auch als schwuler bei so einer Partnerbörse neue Freunde gewinnen kann, ohne das da zwangsläufig was laufen muss.
    Ich will glauben, daß ich mit dem Sex bei einer interessanten Bekanntschaft warten kann, ohne als Frigide abgestempelt zu werden. Und ich will glauben, daß man Leuten die Wahrheit sagen kann, ohne als »dumm« tituliert werden zu müssen.

    Das digitale Leben ist kompliziert. Es erfordert eine Menge abgebrühtheit und kaltschnäuzigkeit. Ich arbeite daran, aber ich hoffe, das dauert länger, als meine Onlineaktivitäten.

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