6:00 Uhr. Der Radiowecker tritt seinen Dienst an. Einen kurzen Augenblick sitze ich orientierungslos und nahezu aufrecht im Bett. War ich nicht vorhin noch irgendwo anders? Egal, es ist sechs Uhr. Kurz nach sechs. Sechs Uhr, vier Minuten und dreißig Sekunden, um genau zu sein. Aus dem Radio ertönt die Wettervorhersage. Das ist ungewöhnlich, denn das heißt, die Nachrichten sind schon vorbei. Das heißt, ich bin spät dran. Das heißt, ich bin aus dem Rythmus. Ich hasse es, aus dem Rythmus zu kommen. So sehr, dass ich meinte, es mir abgewöhnt zu haben. Normalerweise stehe ich um sechs Uhr auf. Während die Nachrichten verlesen werden, bringe ich die Kaffeemaschine in Gang, gieße mein Müsli auf und stecke zwei Scheiben Dreikornsonne-Brot in den Toaster. Anschließend betrete ich das Badezimmer. Ich gestehe mir zwanzig Minuten zu. Zwanzig Minuten, in denen die tägliche Morgentoilette absolviert sein muss. Zähneputzen, Rasieren, Duschen, Frisur herrichten. Nach diesen zwanzig Minuten ist der Kaffe fertig, das Toastbrot soweit abgekühlt, dass man es absolut gefahrlos aus dem Toaster entnehmen kann und das Müsli soweit durchgezogen, das es die perfekte Konsistenz, die irgendwo zwischen kernigem Biss und angenehmer Weichheit liegt, erreicht hat. In weiteren zwanzig Minuten habe ich mein Frühstück zu mir genommen und das verschmutze Geschirr abgewaschen. Ich mag es nicht, meine Wohnung verunreinigt zu verlassen. Nebenbei habe ich mir noch die aktuellen Schlagzeilen aus der Tageszeitung eingeprägt. Schließlich brauche ich aktuellen Gesprächsstoff fürs Büro. In weiteren zwanzig Minuten lege ich mir meine Tages-Garderobe zurecht, schlüpfe in Socken und Schuhe, Kontrolliere den Inhalt meines Aktenkoffers. Wenn ich dann noch etwas Zeit habe, vertiefe ich mich in einen Artikel der Tageszeitung dessen Überschrift ich zuvor besonders Interessant fand. Um sieben Uhr verlasse ich dann schließlich die Wohnung, um ins Büro zu fahren. Es ist perfekt durchdacht, ein in jahrelanger Routine eingeübter und feingeschliffener Ablauf.
Aber heute ist alles anders. Ich habe geträumt, wirres Zeug. Deswegen fehlen mir fünf Minuten. Fünf Minuten, die mich völlig aus dem Konzept bringen. Noch ganz in Gedanken, führt mich der Weg zuerst ins Badezimmer. Erst als ich unter der Dusche stehe und von oben bis unten eingeseift bin, fällt mir auf, dass ich vergessen habe, den Kaffeebereiter zu aktivieren, das Brot zu toasten und mein Müsli anzusetzen. Egal. Shit happens. Ich halte mich für eloquent genug, um diesen Lapsus auszumerzen. Deswegen führt mich der erste Weg aus dem Badezimmer zum Kaffeebereiter, dann zum Toaster und schließlich zur Müslidose. Soweit so gut. Aber was jetzt? Eine Lücke droht zu entstehen, ein ungenutzer Leerraum. Ein Effizienzvakuum. Ich blicke mich um und entdecke meine Rettung: den Kleiderschrank. Warum die Lücke nicht mit der Auswahl der Tagesgaderrobe füllen? Dieser Morgen ist sowiso schon ein einziges Chaos, also kann auch die Auswahl der Garderobe vorgezogen werden. Natürlich habe ich meine Kleidung bereits hinsichtlich möglicher Farbkombinationen sortiert. Die entscheidende Frage ist nun: Welche Farbstimmung spiegelt meine momentane Befindlichkeit am ehesten wieder? Das ist wahrhaft schwierig, denn so verwirrt wie heute morgen habe ich mich noch nie gefühlt. Entsprechend schwer fällt mir die Wahl der Kleidung. Ratlosigkeit macht sich breit, und als ich bereits befürchten muss, dass mir die Zeit hinfort rinnt, greife ich einfach in den Schrank und streife mir über, was zufällig in meine Hand fällt. Zeit für das Frühstück. In Gedanken noch bei der Kleidung und mittlerweile doch ziemlich nervös und verunsichert, belege ich mit zittrigen Händen die abgekühlten Toastbrotscheiben, die erste mit Wurst, die zweite mit Konfitüre, wie gewöhnlich. Am Tisch angekommen, nehme ich auf meinem Stuhl platz. Während ich die erste Scheibe Toast esse, versuche ich, die Tageszeitung zu überfliegen. Ich kann mich jedoch nicht konzentrieren. Ständig denke ich an diesen Traum, außerdem muss ich dauernd auf meine Armbanduhr Blicken, da ich mein Zeitgefühl verloren habe. Beim Genuss der zweiten Scheibe Toast, der mit Konfitüre, passiert es dann: Auf mir unerklärliche Weise entgleitet das Brot meiner Hand und purzelt, von den magischen Kräften der Schwerkraft gnadenlos angezogen, in Richtung Boden. Natürlich erreicht es diesen nicht, ohne vorher mein Hemd und den Schritt meiner Hose mit Konfitüre zu bedecken. Mist, Mist, Mist. Und ich habe keine Zeit mehr. Zu Spät zur Arbeit zu kommen ist völlig undenkbar. Schließlich habe ich einen Ruf zu verlieren. Also greife ich nochmals in den Schrank, knülle eine Wilde Auswahl von Ersatzkleidung in meinen Aktenkoffer und verlasse ziemlich überstürzt meine Wohnung. Ohne das Geschirr abzuwaschen. Und ohne mir Gedanken darüber zu machen, wann ich die Ersatzkleidung eigentlich anziehen könnte.
Dienstag, 7. Oktober 2008
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