Samstag, 8. November 2008

    Things that suck, Teil zwei.

    8:00 Uhr. Ich erreiche pünktlich die Firma. Zum Glück. Bereits im Aufzug merke ich, wie mich die erstaunten Blicke der Kollegen streifen und kurz darauf ein Tuscheln hinter meinem Rücken einsetzt. Das Blut schießt mir in den Kopf, und ich merke, wie sich Schweißperlen auf meiner Stirn bilden. Ich beschließe, eine weitere Ausnahme in der täglichen Routine zu machen. Statt aus dem Aufzug unmittelbar ins Büro zu gehen, stürme ich als erstes auf die Toilette. Umziehen. Eingesperrt im Separet, öffne ich meinen Aktenkoffer und erblicke … Eine Jeans. Washed out, used Look. Herzflattern setzt ein. Heute geht aber auch alles schief. In der Hoffnung, dass Chef heute keinen seiner berüchtigsten Rundgänge macht, ziehe ich die mit Konfitüre besudelten Klamotten aus und die Jeans und das Ersatzhemd an. Wird schon schiefgehen. Nachdem ich einen günstigen Moment abgepasst habe, schleiche ich aus der Toilette in mein Büro und setze mich an meinen Schreibtisch, unter dem ich ganz hervorragend die Jeans verstecken kann. 12:00 Uhr. Die Tür fliegt auf, Carsten betritt das Büro. »Mittagessen?«. Mittagessen! Oh. Ah. Als leitender Angestellter mit der Jeans in die Kantine? No Way! »Du, äh, also heute ist es nicht so wirklich … günstig …«. Carstens Lächeln verschwindet und macht Enttäuschung Platz. Ich fühle mich wie ein Arsch. »Viel zu tun«. »Schon klar …«. Carsten versteht und zieht gesenkten Hauptes von dannen. Ich ignoriere das Knurren meines Magens und lenke meinen Blick auf den Bildschirm, auf dem mich eine formschöne Exceltabelle erwartet. 14:00 Uhr. Mein Bauch hört sich an wie ein Hirsch zur Brunftzeit. Ich kontrolliere gerade einen Stapel Unterlagen auf Fehler, als die Bürotür ein weiteres Mal auffliegt und mein Chef den Raum betritt, einen Kunden in Schlepptau. Jetzt habe ich verloren. Wie kommt es, dass ich von diesem Kundentermin nichts weiß? Oder habe ich ihn schlicht vergessen? Tausend Gedanken schießen mir auf einmal durch den Kopf, ich weiß nicht, wie lange mir der Kunde schon seine Hand zum Gruß entgegenstreckt, als ich sie schließlich ergreife und schüttel. »Nice to meet you«, »Yes yes, the same to you«. Ein kurzer Blick richtung Chef macht mir klar: Irgendwas stimmt nicht. Richtig, ich habe vergessen, aufzustehen. Schockiert und erschrocken über meinen Lapsus springe ich auf, dabei stoße ich den Stuhl so herftig zurück, dass er scheppernd umfällt. Ich bemühe mich, die Fassung zu wahren, sehe jedoch aus meinen Augenwinkeln, wie Chef mich von oben bis unten mustert, wobei sein Unterkiefer herunterklappt. Die Jeans, die Jeans … Die unangenehme Situation dauert nichtmal zwei Minuten – mir kommt es vor wie eine halbe Ewigkeit. Als Chef mit dem Kunden mein Büro verlässt, bemerke ich die pulsierenden Adern an seiner Schläfe. 16:00 Uhr. Ein zwischenzeitlich durchgeführter Blick in meinen Terminkalender hat das Unfassbare offenbahrt: Der Termin mit dem Kunden war eingetragen, und ich hab’s verpennt. Als ich deprimiert aus dem Fenster blicke, sehe ich, wie unser Besuch in seinen fetten Leihwagen-BMW steigt. Sponsored by unserer Firma. Er hat kaum den Hof verlassen, da klingelt schon mein Telefon und ich werde in das Büro meines Chefs zitiert. 16:30 Uhr. Um zwei Kopf kleiner verlasse ich das Büro meines Chefs. Es ist mir schon egal, ob die Kollegen fassungslos auf meine Washed-Out Grunge-Jeans starren. In Gedanken verloren schlurfe ich in mein Büro. Er hat mich gar nicht erst zu Wort kommen lassen. So erniedrigt habe ich mich noch nie Gefühlt. So wurde ich noch nie erniedrigt. Wegen einer Jeans! Und eines Traums, der mir rückblickend immer verlockender scheint. Eigentlich kann ich die engsitzenden Hemden nicht ausstehen. Die Krawatten schnüren mir die Luft zum Atmen ab. Anzug bei 35° C? Aber selbstverständlich! Alles für die Etikette. Excel am morgen, Word am Abend, Telefonieren, Videoconferencing und Mittagspausing dazwischen. Alles für die Firma. Und wo bleibe ich? 17:30 Uhr. Zeit, diesen Albtraum zu beenden. Da sowiso schon jeder Bescheid weiß, gehe ich zusammen mit meiner Jeans und den anderen Kollegen in Richtung Ausgang. Carsten läuft mir über den Weg, meint, ich solle mich wieder einfangen und verabschiedet sich mit einem »Bis Morgen!«. Wie jeden Abend. In dieser Sekunde beschließe ich, dass dies das letzte »Bis Morgen!« sein soll, dass ich von Carsten oder irgendeinem anderen Kollegen zu hören bekomme. Ab heute wird alles anders. Das verspreche ich mir.

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