Freitag, 18. September 2009

    Flüssige Lektionen

    Schnitt.
    Wasserfontänen vor schwarzem Grund. Mittendrin: Ein nackter Mann. Das Wasser sieht kühl aus, ihm macht das nichts. Er lacht. »Her mit dem Wasser, ich bin gestählt, ich mag das«, scheint sein Blick zu sagen. Er ist tatsächlich gestählt. Selbst bei genauem Hinsehen lässt sich kein Gramm Fett an seinem athletischen Körper ausmachen. Und ich habe ganz genau hingesehen. Lachend springt er auf die nächste Wasserfontäne zu, freier Blick auf den Knackarsch. Dies sind die wenigen Momente, in denen mir Fernsehwerbung Spaß macht. Das beworbene Produkt ist ein Duschgel, aufregender Duft und die totale Erfrischung sind seine besonderen Attribute. Knackarsch und Heldenbrust verlieren ihre Wirkung nicht. Natürlich ist mir klar, dass ich niemals eine derartige körperliche Perfektion erreichen werde. Dennoch ertappte ich mich nur wenig später beim Kauf eben jenes Duschgels. Wenn Knackarsch und Heldenbrust für mich schon unerreichbare Ziele sind, will ich mir doch beweisen, dass ich wenigstens der totalen Erfrischung gewachsen bin. Und ja: das Duschgel ist toll. Ich verlasse die Duschkabine nach wohltemperierter Beschauerung zwar nicht mit Knackarsch, dafür aber angenehm duftend. An mir haftet ein Hauch dessen, was mir die Werbung als Männlichkeitsideal vorgeführt hat. Das fühlt sich schön an.
    Schnitt.

    Es ist Sonntagmorgen, just zu der Zeit des Jahres, in der nach einem Schweißperlensommer die ersten kühleren Tage Einzug halten. Es sind die Tage, an denen man sich aus Trotz weigert, die Heizung anzustellen – obwohl das durchaus schon angebracht wäre. Es ist der Sonntagmorgen, an dem der Heißwasserboiler des Hauses versagt. Ein vernünftiger Mensch würde an einem solchen Tag selbstverständlich auf die Dusche verzichten, stattdessen mit dem Wasserkocher ein wenig Wasser erhitzen und sich mit der Reinigung am Waschbecken begnügen. Ich bin kein vernünftiger Mensch. Ich habe schließlich ein tolles Duschgel. Zwar nicht das Gleiche wie damals in der Werbung, aber das macht nichts. Es sieht an sich schon toll aus. Eisblau ist es und drinnen schwimmen weiße Partikel, die ein wenig an Eiskristalle erinnern. Auf dem Etikett steht das Wort »Cool«, damit auch Deppen wie ich begreifen, dass es einmal mehr um die totale Erfrischung geht.

    Die für meine Verhältnisse totale Erfrischung erfuhr ich an jenem Morgen bereits, als ich nackt im unbeheizten Badezimmer stand. Und als ich schließlich das Wasserventil öffnete und das kühle Nass in der Duschkabine niederrieselte, überkamen mich erste Zweifel, ob ich tatsächlich so männlich war, wie ich mir während monatelanger Benutzung eisblauen Duschgels weismachen wollte. Die folgende Lektion lehrte mich, dass ein Duschgel aus einer Pussy noch lange keinen Kerl macht, dass zur totalen Erfrischung einer Pussy kaltes Wasser, ach was, ein kaltes Badezimmer mehr als ausreichend ist, und dass einer Megapussy wie mir das beste Stück bei derartigen Wassertemperaturen beinahe nach innen schrumpelt. Und dass ihr dabei Laute in femininen Tonlagen entweichen.

    Seit diesem Sonntag gehe ich gebrochen durchs Leben. Der sich ehemals toll anfühlende Hauch des Männerideals – jetzt verhöhnt er mich, erinnert mich ständig an jenen Tag, an dem mich die Memme in mir einholte.

    Wer braucht Feinde, wenn er Duschgel hat?

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